Rückblick auf den Februarslam 2010

Da passte keiner mehr rein, am Sonntag in die Kellerbühne. Tut uns ehrlich leid, dass wir nach dem Einlassstopp (danke, Rechtschreibreformer!) so viele Leute wegschicken mussten. Zumal es ein sensationell guter Poetry Slam war…

Jan Koch sorgte mit seinen schönen Melodien und intelligent-poetischen Texten von Beginn an für eine emotionale Atmosphäre. Er spielte einige seiner Klassiker, aber auch brandneue Songs von seinem erst in den nächsten Monaten erscheinenden neuen Album, das wahrscheinlich „Im falschen Cafe“ heißen wird. Aber auch seine drei anderen LPs möchten wir euch wärmstens ans Herz legen (akustisch hochwertige Studioaufnahmen, die aber die Stimmung der Live-Auftritte hervorragend rüberbringen). Auf www.jankoch.org könnt ihr in die Alben reinhören und auch gleich bestellen, wenn ihr euch was Gutes tun und einen talentierten Künstler unterstützen wollt, der sich außerhalb des etablierten (und ekelhaften) Musikbetriebs bewegt.

Der eigentliche, mit 12 Teilnehmern besetzte Wettkampf war diesen Monat eine ausnahmslose Freude: Marvin Ruppert (Marburg) nahm uns mit in einen fiebrigen Heuschnupfenmedikamentealkoholalbtraum auf eine Uferwiese im Präteritum, um dort seine Angebetete an einen Maximalmacho auf hohem Ross zu verlieren. Benjamin Reichstein (Bayreuth) brach in seinem selbstironischen Lebensratgeber eine Lanze für das Intuitive Element des Handelns und Entscheidens. Turnkey Facility (Erlangen) machte sich den Kopf für die bevorstehende Abschlussprüfung auf unsrer Bühne frei und glänzte mit seinem bisher besten Text (meint auch der Jan!) über die Motivationen eines Bühnenpoeten. Die Rinnstein-Servietten (Erlangen) bereicherten die erste Runde als erstes Duo im Wettbewerb mit einer abgefahrenen romantischen Ballade erster Güteklasse: die Gans in der liebeslodernden Röhre (wie kommt man denn da drauf?!) – von diesem Team wird man noch eine Menge hören… Aber auch das zweite Duo des Abends, la pommes schranké (Erlangen), wandelte auf skurrilen Pfaden und ließ den Seifenblasenmann seine Reise zur Sonne antreten. Ein wissenschaftlich stilisiertes Märchen mit Fußnoten und ohne Happy End gab Flaux (Erlangen) zum Besten. Arne (Bayreuth) versuchte, auf der Bühne den Bad Boy zu geben, blieb aber recht sympathisch mit seiner anekdotenreichen Analyse der Humorkurve. Christian Ritter (Bamberg) begeisterte mit einem brandneuen Text aus der Badewannenperspektive, in der sich ein höchst seltsam anmutender Herr August von seinem treuen Freund Dimitri die Seife reichen ließ und ihn dafür schrecklich entlohnte. Bei Sophie Sonnenblick (Erlangen) stimmte die Chemie, an Hand derer sie nach einführendem „Referat“ die Funktionsweise einer Liebesbeziehung in ihre kristallinen Gitterstrukturen aufspaltete. Moritz Neumeier (Kiel) stellte das Mikrofon beiseite und performte einen traurig schönen Abgesang auf vergangene Lebens- und Liebeswunden. Billy (Bayreuth) erzählte uns seine ganz persönliche „Slam Story“ und von seinem Bestreben, seinen Vorbildern gleich direkt in die Herzen der Menschen sprechen zu wollen. Das Harmoniebärchen (Erlangen) komprimierte ein Märchen auf SMS-Größe und schickte eine ungleich umfangreichere Analyse desselben hinterher.

Trotz großer Enge und Hitze wollte das Publikum den Abend im E-Werk zur Nacht werden lassen und bestand auf doppelte Rundensiege in nicht nur der ersten, sondern auch der zweiten Runde, so dass schließlich Marvin Ruppert, die Rinnstein-Servietten, Christian Ritter und Moritz Neumeier ins Finale einzogen.

Das Finale brachte jedoch noch einmal richtig Zunder in die fortgeschrittene Stunde und sorgte für überschäumende Begeisterung. Schlussendlich ging der Abendsieg aber mit knappem, aber hörbaren Applausvorsprung an den jungen Kieler Moritz Neumeier. Wir gratulieren und danken – ein großartiger und denkwürdiger Slam!

Vor den E-Werk Mitarbeitern, die insbesondere bei unseren Veranstaltungen unter schwierigen Bedingungen (überfüllter Raum) in hohem Tempo und oft auch extra lang ackern müssen, ziehen wir unsren Hut, egal ob Gastronomie, Einlass, Technik oder Orga. Vielen Dank, wir wissen das zu schätzen.

Nach etlichen Gesprächen und intensiven Überlegungen sind wir übrigens zum Schluss gekommen, dass der Erlanger Slam auch in Zukunft in der Kellerbühne des E-Werks beheimatet bleibt. Die Atmosphäre, besonders wenn es eben so proppelvoll ist wie im Februar, gefällt uns einfach zu gut – ein Hexenkessel im positiven Sinn! 

Nur anlässlich unserer Spezialshows (immer im Januar) werden wir auch in Zukunft in den großen Saal des E-Werks umziehen. Oder wenn es sich das E-Werk aus organisatorischen Gründen wünscht – dies wird beispielsweise im Mai und im Juni 2010 der Fall sein, Bergkirchweih- und WM-bedingt findet der Slam dann auch nicht am dritten Sonntag statt, sondern am 09.05. und am 06.06. Wir werden unser Programm aber der größeren Bühne anpassen, verlasst euch drauf 😉

Bis dahin warten aber noch einige feine Shows in der Kellerbühne auf uns, die nächste am 21. März. Und gern könnt ihr uns über die Kommentar-Funktion dieser Seite euer Lob und eure Kritik bzw. Verbesserungsvorschläge mitteilen. Welche Meinung habt ihr zum Beispiel zur Frage „Poetry Slam in der Kellerbühne oder im Saal?“

11 Gedanken zu „Rückblick auf den Februarslam 2010“

  1. Zu Jan Koch: Worte die ihre Kreise in deinem Geiste drehen und Texte, die im Kopf nachhallen um dann dein Herz zu berühren. Ganz tief.
    In Verbindung mit seinem Gitarrenspiel, das dich einhüllt und mitnimmt auf eine Reise jenseits deines gewohnten Denkens und Fühlens…
    Ich ziehe meinen Hut und sage Danke an Jan Koch, der den Abend durch seine Auftritte so bereichert hat.
    Christian Ritter hat mich in die wohl längst verdrängten Tiefen meines weit zurückliegenden Französischunterrichts geführt. Kann das Grandios also somit nur zurückgeben, das gilt auch für Text Nr. 1!
    Im Grunde hatte jeder Poet seinen eigenen Zauber und Reiz, was man ja deutlich am 4er-Finale erkennen konnte. Die Entscheidung über den Sieger des Abends fiel uns allen extrem schwer. Zu Recht.

    Leider konnte ich nicht den kompletten Abend mitverfolgen, da ich aus Platzmangel den Kassenbereich nicht verlassen habe.
    An alle zurückgewiesenen Gäste des Abends: Es war leider kein Einlass mehr möglich, so sehr wir das auch bedauert haben Leute abweisen zu müssen. Aber eure Sicherheit geht einfach vor!
    Vielleicht kann euch die Sendung auf Radio Z am Freitag den 5.3. um 18h über das Verpasste hinwegtrösten. Wenigstens ein kleines bisschen 😉

    In diesem Sinne
    Erlangen / Nürnberg / Fürth und alle anderen Angereisten, ihr ward ein tolles Publikum!

    Alles Liebe
    Eure Ela

  2. Hey ihr Erlanger Slammer: Ihr habts echt drauf, was für ein klasse Veranstaltung, was für eine geile Location. Moderation einfach spitze und richtig witzig.
    Nochmal danke an Bremmo für den Tipp mit dem früher Kommmen, sind reingekommen und waren glücklich zum exklusiven Kreis zu gehören 😉 Morgen gehts zurück nach Augsburg, mal sehen was Erlangen noch zu bieten hat.

    Stephan

  3. @Turnkey: Freut mich, dass das Plakat gefällt. Hab es endlich eingearbeitet und Bremmo hat’s nun auch hochgeladen, damit alle was davon haben.
    Außerdem kam zumindestens bei mir deine Begeisterung am Sonntag an. Die Krönung des Ganzen ist ja letztendlich deine glatt gelaufene Prüfung! Glückwunsch 🙂
    Grüßle

  4. @Jan: Super geschrieben! Dein Gedächtnis möchte ich haben!
    @Leser: Insbesondere was den Umzug aus der Kellerbühne in den Saal betrifft interessiert mich auch brennend eure Meinung. In meiner Brust schlagen da zwei Herzen.

    Aber als ich am Sonntag die ganzen Leute nach Hause schicken musste und die verzweifelten Versuche der Abgewiesenen erlebt habe, doch noch reinzukommen, da ist mir doch auch ein Licht aufgegangen, dass es nicht nur um die Location geht, sondern um die Slam Poetry – und die darf sich nicht durch Räume einengen lassen.

  5. Dresden funktioniert auch mit 500 Mann Bühne super. Es hat vielleicht nicht den Stil der Kellerbühne aber wenn nen großes Publikum abgeht beziehungsweiße bei ernsten Texten stillschweigt hat das was ganz eigenes.

    Ich wär ja für Slam im Großen Saal und ner Lesebühne in der Kellerbühne^^

  6. @Turnkey: Naja, 500 Leute jeden Monat bei uns zu begrüßen wäre zwar eine schöne Vorstellung, aber irgendwie auch nicht realistisch für Erlangen.

    Wir sprechen hier von Größenordnungen von ca. 250, max. 300 Besuchern – und das auch noch saisonal schwankend.

    Der Saal im E-Werk lässt sich abtrennen, dann wäre das so schon machbar.

    So wie es momentan aussieht, sind wir März und April auf jeden Fall noch in der Kellerbühne.
    Mai und Juni ist der Saal schon fest eingeplant. Da bin ich dann auf die Stimmung und Zuschauerzahlen gespannt – nach der Sommerpause wird man dann weitersehen.

    Bitte weitere Meinungen dazu schreiben liebe Besucher! Hängt ihr an der Kellerbühne (so wie ich) oder ist der Saal für den Slam genauso schön???

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